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Küssen - ein Relikt des Fütterns?

Küssen mal aus wissenschaftlicher Sicht: Ein "neurotisches", "chemisches", "tierisches" Vergnügen, das "sich gesalzen hat". Von Romantik keine Spur.

Rhett Butler und Scarlett O'Hara zelebrieren ihn in "Vom Winde verweht" voller Leidenschaft und schon der griechische Philosoph Plato schrieb, mit ihm "trete die Seele auf die Lippen": Der Kuss. Ganz selbstverständlich ist er für uns ein Ritual der Liebe, ein Bestandteil des Liebesaktes, ein Zeichen gegenseitiger Zuneigung. Doch warum hat der Mensch das Bedürfnis, seine Lippen auf die anderer zu drücken? Ein Blick auf die Erklärungsversuche verschiedener Wissenschaftler ergibt Erkenntnisse, in denen die Romantik der Liebesfilme und die Spiritualität altertümlicher Philosophien keine Rolle spielen.

Eine neurotische Ursache des Küssens meinte der Arzt und Psychologe Siegmund Freud zu erkennen. Dieser führte dieses menschliche Bedürfnis auf das Stillen nach der Geburt zurück. Das Saugen an der Brust der Mutter genieße ein Baby so sehr, dass nach Beendigung der Stillzeit ein ständiges Verlangen nach oralem Kontakt entstünde. Aus diesem Grund küsse der Mensch, um dieses Defizit, welches ein Leben lang anhält, auszugleichen. Dem Ultraschall hat es Freud zu verdanken, dass seine These wiederlegt werden kann, denn die erste orale Erfahrung macht der Mensch ungeboren im Mutterleib mit seinem eigenen Daumen.

Eher chemisch denkt der amerikanische Anatom David Berliner. Er vermutet, das Küssen diene dem Einfangen von Pheromonen. Pheromone sind chemische Substanzen, die von Menschen und Tieren ausgeschieden werden, um das Verhalten eines Individuums derselben Art zu beeinflussen. Bekannt sei, dass viele davon im Bereich der Nasenflügel freigesetzt werden. Für Berliner ist daher Küssen auf die Lippen kein Zufall, sondern eben der Ort, an dem viele dieser Pheromone eingefangen werden können um so einen möglichen Partner zu "beschnuppern". Dies würde auch erklären, warum sich Menschen nicht nur auf die Lippen küssen, sondern, vor allem beim Sex, den ganzen Körper miteinbeziehen. Pheromone werden eben auch an anderen Stellen des Körpers abgegeben.

Die "tierischsten" Erklärungsversuche machen die Verhaltensforscher. Der österreichische Professor für Zoologie Irenäus Eibl-Eibesfeldt ist der Meinung, Küssen sei ein Erbe der Mund-zu-Mund-Fütterung aus unserer Vorzeit. Diese Erkenntnisse ziehen Eibl-Eibesfeldt und seine Kollegen unter anderem aus der Tatsache, dass auch manche Affenarten, darunter Schimpansen und Rhesusaffen, dem Küssen alles andere als abgeneigt sind. Selbst Cunnilingus und Fellatio gehören zu den Praktiken der menschenähnlichen Bonobo-Affen.

Eine andere "gesalzene" Erklärungstheorie des Küssens stammt ebenfalls aus der Verhaltensforschung. Diese besagt, dass sich unsere Vorfahren lebenswichtiges Salz von der Haut geleckt haben. Übrig geblieben ist davon heutzutage das Küssen.

Richtig froh über evolutionäre Veränderungen werden Sie sein, wenn sie die Behauptung des Sexualforschers Ernest Bornemann lesen. Der ist nämlich der Meinung, dass sich unsere Vorfahren bei der Paarung ineinander verbissen haben. Erst viel später sei der Mensch zum Küssen übergegangen.

Literatur:
Possemeyer, I.: Was abgeht, wenn's abgeht. In: Geo Wissen Nr. 26 (2000), 30.
Ebberfeld, I.: Der Kuss: Forderung nach mehr. In: Psychologie Heute compact Heft 7 (2002), 92.




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